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Serie: Post aus dem Theatermuseum

250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl

März 2026 - Führungsticket zu '250 Jahre Burg' kaufen
250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl
Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband

Augenblick, verweile doch
Fotografie und Bühne – Koinzidenz zweier Jubiläen

Es ist bemerkenswert, dass just im Jahr des 250-jährigen Jubiläums des Burgtheaters eine prägende Kulturtechnik ihre 200-Jahrfeier begeht. In Frankreich wird 2026/27 die Fixierung eines latenten Bildes auf Asphalt (Bitumen) und damit die Erfindung der Fotografie im Gedenken an Joseph Nicéphore Niépce und Louis Jacques Mandé Daguerre zelebriert. Dieser Zufall mag Anlass genug sein, sich den Querverbindungen dieser zwei Medien zu widmen. Man könnte beinahe meinen, dass sie füreinander geschaffen seien: Dort das Theater als ephemeres Ereignis, hier die Fotografie, die das Bedürfnis stillt, ebendiese Augenblicke dauerhaft festzuhalten. So gegensätzlich sie in temporärer Hinsicht auch sein mögen, so eint sie der Wunsch nach Inszenierung und Repräsentation – in Szene zu setzen, ins rechte Licht zu rücken und sich auf eine Schauseite und damit auf das Publikum hin auszurichten. Tatsächlich lässt sich die Entwicklungsgeschichte der Fotografie in Österreich von Anfang an nicht ohne das Theater – konkret: ohne das Burgtheater – erzählen. Das erste erhaltene fotografische Dokument Wiens zeigt den Michaelerplatz mit Hofreitschule und altem Burgtheater vor Mai 1840.1 Die Daguerreotypie von Andreas Ritter von Ettingshausen befindet sich heute in der Albertina. Wenn auch das Burgtheater nur im rechten Bildausschnitt zu sehen ist, verbindet sich darin doch monarchistische und bürgerliche Repräsentation unter einem gemeinsamen Fluchtpunkt in ein und demselben Rahmen.

250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl
Andreas Ritter von Ettingshausen: Wiener Hofreitschule und altes Burgtheater, Daguerreotypie vor Juni 1840. Albertina © Albertina, Wien

Meistfotografierte Berufsgruppe ihrer Zeit

Es mag wenig überraschen, dass gerade die Bühnenwelt dem Adel in der Repräsentation durch das neue Medium der Fotografie recht unmittelbar und höchst zahlreich folgte. Das Erstellen, Tauschen und Sammeln von Porträts in aufwendigen Alben war standesgemäßes passe-temps, genealogisches Prestige (Gotha) und zugleich geeignet, künftige familiäre Verbindungen quer über den Kontinent zu schmieden. Auf das Theater übertragen, sollten Wahlverwandtschaften, Traditionen, Schauspiel-Dynastien und Ensemble-„Familien“ nichts Geringeres festhalten. Die Theatromanie, wie Stefan Zweig sie später bezeichnete, fand gerade am Burgtheater einen fruchtbaren Boden. Rollenporträts und Szenenfotos waren schon früh ein probater Multiplikator: Jede neue Produktion, jedes Kostüm, jede (Parade-)Rolle gab Anlass, fotografisch festgehalten zu werden, nicht zuletzt um beim Bürgertum Anklang zu finden.2 Albumin-Abzüge auf Untersatzkarton im Carte-de-Visite- und Cabinet-Format wurden ab den 1860er Jahren für Jahrzehnte zur prägenden Form – Marketinginstrument, Beliebtheitsbarometer und Erinnerungsträger zugleich. Schauspieler*innen, zumal am Burgtheater, waren unangefochtene Berühmtheiten und in engem Zusammenspiel mit den Printmedien Personen öffentlichen Interesses. Das Fotogenie Charlotte Wolter etwa wusste ihren Bekanntheitsgrad in Wechselwirkung mit Fotograf*innen entsprechend zu vermarkten.3 Die Verehrung von Bühnenstars zog vom fotografisch bedruckten Fächer bis hin zum Teller zudem eine Industrie an Devotionalien nach sich.4

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Josef Szekely: Charlotte Wolter als "Adelheid" in Götz von Berlichingen, Prem. 10.5.1879, Hofburgtheater, Wien. Theatermuseum © KHM-Museumsverband

Stargate - ein Bühnentürl als Portal zwischen zwei Welten

Kurz nach 1900 kommt in Wien ein neues fotografisches Genre auf, das sich unmittelbar im Zusammenhang mit dem Burgtheater entwickelt. Im Gegensatz zu den seit den 1860er Jahren massenhaft in Foto-Ateliers entstandenen Rollenporträts und nachgestellten Szenenfotos, gerät nun ein mutmaßlich nicht inszenierter Moment in Mode. Unter der Bezeichnung Beim Burgtheater Bühnentürl entsteht ab etwa 1906 rund um den Bühneneingang zwischen Löwelstraße und Volksgarten – dem heutigen Josef-Meinrad-Platz – eine Serie, die reißenden Absatz findet. Es sind veristische Straßenaufnahmen: Die Bühnenlieblinge werden beim Nähern oder Verlassen der Portiersloge abgelichtet. Manche werden der Kamera rechtzeitig gewahr und nehmen Haltung an – posieren – andere werden überrascht, wenn sie aus der Kutsche steigen oder die zwei Stufen erklimmen. Eine Paparazzi-Fotografie avant la lettre. Der Reiz liegt darin, die Stars ungeschminkt in Zivil zu sehen, kurz bevor sie in ihre Rollen schlüpfen. Ein transitorischer Ort im öffentlichen Raum: nicht emporgehoben auf die Bretter, die die Welt bedeuten, sondern auf ebener Erde, auf Augenhöhe, als zufällige Passanten en plein air. Diese Foto-Karten wurden gesammelt und komplettiert; im Theatermuseum haben sich an die hundert unterschiedlichen Bühnentürl-Fotos erhalten. Nicht wenige mit Autogrammen, für die sie sicherlich auch intendiert waren. Reizvoll weil selbstreflexiv daran ist, dass eben jener Ort, an dem die Unterschrift eingeholt wurde, dem Motiv selbst eingeschrieben ist.

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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Carl von Zeska, um 1907. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband

Multiplikatoren und Distribution

Voraussetzung dafür war die ab den 1880er Jahren verfügbare Momentaufnahme, das Medium der Foto-Postkarte ab 1899 (geteilte Adressseite ab 1905) sowie die kostengünstigere Ausarbeitung von Silbergelatine-Verfahren. Bezugsorte waren zunächst die Ateliers, später Verlagsniederlassungen und Buchhandlungen. Mit dem 1898 gegründeten Postkartenverlag Bediene dich selbst mit Zweigstellen in der Mariahilfer Straße 15, der Kärntnerstraße 29, aber auch in Berlin, etablierte sich eine neue Bildzirkulation, getragen von den Gebrüdern Alfred, Adolf und Salomon Kohn. In der aktuellen Ausstellung des Theatermuseums im oberen Pausenfoyer wird eine Auswahl der Burgtheater Bühnentürl-Aufnahmen als Panorama präsentiert, in dessen Hintergrund sich das Gebäude gleichsam „zusammenbaut“. Möglich wird diese tour d’horizon durch die Menge an Motiven, die zwischen 1906 und 1912 aufgenommen wurden. Da sich das Stadtbild aus dieser Perspektive kaum verändert, könnte man beinahe den Eindruck gewinnen, als wären alle im selben Moment entstanden: eine fotografische Interpretation der Einheit von Zeit und Raum. Die Serie war so erfolgreich, dass sie andere Bühnentürl’n der Stadt aufsuchte: Volkstheater, Theater in der Josefstadt, Theater an der Wien bis hin zu dem darunter befindlichen Künstlervarieté „Die Hölle“. Auch vor dem Operntheater war man nicht mehr unbeobachtet; erhalten hat sich etwa eine Karte, auf der Gustav Mahler entschlossenen Schrittes den Ring quert. Etwa zwanzig Jahre später hielt eine vergleichbare fotografische Mode der sogenannten Geh-Fotografen Einzug in den öffentlichen urbanen Raum. Passanten wurden auf öffentlichen Plätzen zufällig von einem Fotografen mittels einer Sequenz- oder Reihenfotografie von drei Einzelaufnahmen festgehalten und konnten die Aufnahmen kurz drauf im jeweiligen Fotografenatelier erwerben.5

250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl
„Bediene dich Selbst“ Special-Postkarten Verlagsgeschäft, Werbepostkarte, um 1910, Sammlung Mila Palm. www.milaneum.at
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband
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Verlag Gebrüder Kohn: Beim Burgtheater-Bühnentürl Lotte Witt, 1908. Theatermuseum © KHM-Museumsverband

Fotografie als Privat-Passion

Hugo Thimig, Schauspiel-Doyen und später Direktor des Burgtheaters (1912–1917), kommt in dieser Panorama-Zusammenstellung zweimal vor: einer Kutsche entsteigend, um am linken Rand unverrichteter Dinge in einer ebensolchen wieder zu entschwinden. Thimig war selbst ambitionierter Fotoamateur. Zahlreiche Scherzfotos nehmen mittels Doppel- und Mehrfachbelichtungen den Theaterbetrieb selbstironisch aufs Korn6 – darunter auch „Auf der IV. Galerie bei Iphigenie“, für das er in vier Rollen (auch weibliche) schlüpft, um unterschiedliche Publikumsschichten zu charakterisieren.7 Diese ließ er als Foto-Postkarten in seinem privaten Freundes- und Kolleg*innenkreis zirkulierten.

250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl
Hugo Thimig: Auf der IV. Galerie bei "Iphigenie", Hugo Thimig in vier Personifikationen, um 1905 Theatermuseum Inv. Nr.: FS_Thimig_Album3_276946 © KHM-Museumsverband, Theatermuseum

Von der Burgtheatergalerie zur Ensembleaufnahme

1786 ordnete Josef II. an, herausragende Schauspieler*innen porträtieren zu lassen; die Ehrengalerie sollte den Verbindungstrakt zwischen Hofburg und altem Burgtheater ausstatten. Das Medium der Fotografie hat schließlich auch in die Porträt-Galerie des Burgtheaters Einzug gehalten;8 2006 wurde sie um zeitgenössische Positionen erweitert, als Kurator Otmar Rychlik beauftragt wurde, die Junge Porträtgalerie entsprechend zu erweitern. Auch heuer, zum 250-jährigen Jubiläum, wurde von Tommy Hetzel eine fotografische Familienaufstellung des aktuellen Ensembles mit 64 Schauspieler*innen umgesetzt. Für diese Momentaufnahme wechseln die Schauspieler*innen ausnahmsweise die Seiten und blicken in Vierergruppen – aus einer achteckig zusammengesetzten Loge und in Zivil – von den Kuppeln der Oktogone auf das Publikum. Dieses verwandelt sich dadurch nun während der Pausen im Prunkfoyer gewissermaßen selbst zu Akteuren der Burg am Ring.

250 Jahre Burg - Beim Burgtheater Bühnentürl
© Tommy Hetzel

Literatur und Quellen

1 Monika Faber, Stallburg und Altes Burgtheater. Eine Daguerreotypie von Andreas von Ettingshausen aus dem Jahr 1840, in: Fotogeschichte 77/2000, 15–24.

2 Von SchauspielerInnen bevorzugte Foto-Ateliers in Wien der Zeit waren u. a.: Angerer, Adéle, Klee, Krziwanek, Luckhardt und Székely.

3 Von Charlotte Wolter (1834–1897) haben sich weit über 1.200 Abzüge ihrer 127 Rollen aus über 35 Jahre als Ensemblemitglied am Burgtheater in der Fotosammlung des Theatermuseums erhalten.

4 Ausstellungskatalog Karin Neuwirth – Thomas Trabitsch (Hgg.), Verehrt... begehrt. Theaterkult und Sammelleidenschaft Künstlerandenken aus den Sammlungen des Theatermuseums, Wien (Theatermuseum) 2021.

5 Ausstellungskatalog Mila Palm (Hg.), Der Grazer Gehfotograf. Eine Stadt in Bewegung 1929–1932, Graz (Museum für Geschichte, Universalmuseum Joanneum) 2026.

6 Michael Ponstingl, Theater für die Kamera. Fotografische Passionen des Hofschauspielers Hugo Thimig (Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Bd. 23), Fotohof Edition, Salzburg 2024.

7 Die vierte Galerie ohne Logen im alten Burgtheater waren die günstigeren Plätze, in denen Theater-Liebhaber, Kritiker und Claqueure über Erfolg oder Misserfolg aktiv mitentscheiden sollten.

8 Burg Stars – 200 Jahre Theaterkult, Hermesvilla Wien Museum, 30. März bis 4. November 2012.


Autor:innen

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Website Gestaltung von Matthias Schreiber, Art Direktion von Peter Steinacher, Projektmanagement von Laura Teichtmeister und großartige Unterstützung von Helena Müller sowie den Kurator:innen des Theatermuseums. Titelmotiv: Sebastian Menschhorn unter Verwendung von Gustav Klimts Innenansicht Altes Burgtheater (1888) und Elli Rolfs Entwurf für den Umhang König Ottokars (1955), Theatermuseum,
Wien © KHM-Museumsverband