250 Jahre Burg - Fundus und Nachhaltigkeit
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Die Kostümsammlung des Theatermuseums umfasst hauptsächlich Theaterkostüme des späteren 19. und gesamten 20. Jahrhunderts. Darin lassen sich vielfältige Objekte finden – Kleidungsstücke jeglicher Art, Accessoires und Requisiten –, die oft eine sehr wechselhafte Geschichte erfahren haben. Bei näherer Betrachtung zeigen sie meist eine Mehrfachverwendung auf der Bühne oder ihre Entstehung fällt nicht in den Zeitraum des Premierendatums, sondern liegt manchmal weit zurück in der Vergangenheit. Durch die Verschränkung von Materialanalyse, kulturhistorischer Forschung sowie der Recherche in historischen Inventarbüchern lassen sich diese verschiedenen zeitlichen Ebenen nachzeichnen.
Diese Informationen sind für eine konservatorische und kulturhistorische Einschätzung des Objektes von großer Wichtigkeit. Veränderte Details an Verzierungen oder ein abgeänderter Schnitt (z. B. eine Verbreiterung der Taille, ein Kürzen der Rocklänge oder eine veränderte Revers-Form) sorgen rasch für Verwirrung bei der Erforschung des Bestandes. Rollenporträts, die sich vor allem Ende des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit erfreuten, sowie Theaterzettel, die Aufschluss darüber geben, welche Darsteller*innen als Träger*innen innerhalb einer oft über Jahre laufenden Aufführung derselben Inszenierung infrage kommen, lösen so manches Rätsel.
Im Gegensatz zu heutigen Inszenierungen gab es zu Zeiten der Monarchie noch ein starkes Bestreben, nach Möglichkeit der literarischen Vorlage des Theaterstückes zu entsprechen, das heißt die Ausstattung möglichst der historischen Verortung nachzuempfinden. Umso mehr war man manchmal auf die Verwendung von originalen Trachten, Uniformen oder historischen Alltags-Kleidungsstücken angewiesen, die entweder für die Bühne noch opulent „aufgemascherlt“ wurden oder durch ihre besonders aufwendige Machart vergangener Handwerkskunst ohnehin als besonders wirksam für die Bühne erschienen.
Ein original oberbayerischer Trachtenhut findet sich in Zusammenhang mit der Burgschauspielerin Katharina Schratt (1853–1940), die vielen heutzutage noch als langjährige enge Vertraute des Kaisers Franz Joseph in Erinnerung ist. Im Meineidbauer von Ludwig Anzengruber spielte sie 1893 bis 1902 die Vroni, ihr verehrtes Haupt zierte ein Priener Hut mit seinen schweren Goldquasten und der reichen Goldstickerei.


Erwähnenswert sind hier die Briefe von Franz Joseph an Katharina Schratt, die aus dem Zeitraum von 1886 bis 1915 erhalten sind und dokumentieren, wie sehr der Kaiser am Geschehen rund um das Hofburgtheater interessiert war und freimütig auch seine Meinung zur Mode auf der Bühne kundtat. So schrieb er z. B. am 21. März 1893:
„[…] war erst einmal, nemlich Vorgestern im Burgtheater, um Krimhilde zu sehen. Das Stück ist mühsam, wird aber so ausgezeichnet gespielt, daß es gut einmal zu sehen ist. Dem vortrefflichen Ensemble hätte es genützt, wenn Sie die Rolle der Klosterfrau übernommen hätten. Auch beleidigt ihr Kostüm nicht die religiösen Gefühle, denn es ist mehr jenes einer protestantischen Diakonissin. Die Wolter sieht in prachtvollen Toiletten merkwürdig gut aus, Frln. Reinhold producirt wieder einige neumodische Kleider ohne Taille, die sie gründlich verunstalten und Herr Bonn spielt ausgezeichnet und ohne jede Übertreibung. Der Mensch hat doch ein ausgesprochenes Talent.“
Ein weiterer Grund für die Wiederverwendung von Objekten auf der Bühne war die Aura einer historischen Bedeutung am Schlachtfeld oder die Verbindung mit bedeutenden Persönlichkeiten des Adels. Joseph Gregor – Gründer der Theatersammlung – dürfte bereits in den Anfängen als Sammelaspekt Aura und Aberglauben auf dem Theater im Auge gehabt haben. So spürte er einer historischen Bedeutung von Kostüm und Requisit nach:
„Wenn die echten Schwerter der Schlacht von Fehrbellin später in Kleists Der Prinz von Homburg getragen werden, wenn auf der Bühne echte Rüstungen der Renaissance vorkommen, wenn sogar noch der ehrwürdige Frack des unglücklichen Kaisers Maximilian von Mexiko auf die Bühne gelangt und von dem Schauspieler in der Rolle des Kaisers getragen wird, so sind diese Erscheinungen von großer kulturgeschichtlicher Tragweite.“

Im Bestandsverzeichnis „Museum der Staatstheater 2“ findet sich folgende Notiz zu einem Kostüm von Hedwig Bleibtreu (1868–1958) als Königin Elisabeth in Friedrich Schillers Maria Stuart, die über einen Zeitraum von unglaublichen 37 Jahren ab dem 7. Februar 1895 diese Rolle verkörperte:
„angeblich von Kaiserin Elisabeth getragen und nach ihrem Tod dem Fundus des Burgtheaters übergeben worden.“
Grundsätzlich war eine solche Vorgangsweise der kaiserlichen Verwaltung durchaus üblich, war das Kaiserhaus doch seit jeher in jeder Hinsicht eng dem Theater verbunden. Folglich ist anzunehmen, dass die Robe erst nach der Jahrhundertwende zu einem Theaterkostüm umgearbeitet und an die Figur von Hedwig Bleibtreu angepasst wurde. Die Datierung für diese Transformation fällt also in den Zeitraum zwischen der Ermordung der Kaiserin Elisabeth am 10. September 1898 und dem letzten Auftritt von Hedwig Bleibtreu als Königin Elisabeth am 10. Februar 1932, möglicherweise zur Neu-Inszenierung des Stückes ab dem 15. April 1905. Erhaltene Rollenporträts zu dieser Rolle zeigen die Diva in ihren jungen Jahren in anderen Kleidern. Vielleicht bringt die weitere Forschung in Fotosammlungen doch noch einen bildlichen Nachweis zutage oder es lässt sich in den teilweise erhaltenen Kostümverzeichnissen des Burgtheaters noch eine alte Inventarnummer klären. Die nach wie vor erhaltene hohe Qualität der Materialien – der echte Hermelinbesatz und die aufwendige Blattstickerei in Goldlahn auf edlem Seidenrips – brachten in jedem Fall den Glanz des Kaiserhauses sozusagen direkt auf die Bühne. Das Wissen, in ehemaliger Gewandung der Monarchin auf der Bühne stehen zu dürfen, muss per se als erhöhend empfunden worden sein.


Erst kürzlich wurden in der Kostümsammlung ungarische Magnaten-Galakleidungen wiederentdeckt, die im Vergleich mit den Objekten aus dem Monturdepot Ende des 19. Jahrhunderts datiert werden können. Diese stammen aus einer 1967 erfolgten Schenkung des Burgtheaterfundus an die Theatersammlung, die ein Konvolut von 13 Kostümteilen aus Stücken wie Das Glas Wasser, Die Verschwörung des Fiesko zu Genua etc. umfasste. Wie sie in den Fundus des Burgtheaters gelangten, ist ungeklärt. Magnatenkleider waren kein Hof-, sondern Privateigentum, daher muss es sich um eine Spende aus ungarischen Adelskreisen handeln.


Ein weiteres schönes Beispiel für den Erhalt eines historischen Kleidungsstückes ist das Kostüm des Fortunatus Wurzel aus der Erstaufführung von Ferdinand Raimunds Der Bauer als Millionär am 15. Februar 1918. Alexander Girardi (1850–1918) durfte als bereits erfolgreicher Volksschauspieler die Erfüllung eines Lebenstraumes – ein Engagement am Burgtheater – genießen und debütierte als einfacher Bauer, der unverhofft zu Reichtum gelangte. Damit prahlen konnte er im elegant geschnittenen originalen Rokoko-Gehrock aus Waffelsamt, mit Seiden- und Silberfäden in Nadelmalerei reich bestickt. Eine zweite Rolle war ihm in seiner kurzen Laufbahn am Hofburgtheater noch vergönnt, dann starb er an den Folgen einer Operation.

Mit dem Loslösen von der literarischen Vorlage hin zu einer künstlerischen Interpretations- und Gestaltungsfreiheit geht die Emanzipation des Theaterkostüms als künstlerisch wertvolles Unikat einher. Mit einer originellen kostümbildnerischen Handschrift verkürzt sich im Grunde die Lebensdauer eines Kleidungsstückes für die Bühne bzw. die Bedeutung für den Fundus. So blieben z. B. die Kostüme des eigentlich als Bildhauer bekannten Fritz Wotruba (1907–1975) für den Sophokles-Zyklus in den 1960er Jahren als Zeugnis eines einzigartigen gestalterischen Prozesses unverändert erhalten, während so mancher reich bestickte Königsmantel durchaus über viele Spielperioden hinweg in Verwendung war und ist.
Die Opulenz einer von Frida Parmeggiani (geb. 1946) ausgestatteten Hamlet-Inszenierung von 1985 wiederum erfährt ihre Einzigartigkeit durch die Kombination einer Neuschöpfung von raffiniert geschnittenen Kostümen mit der Wiederverwertung eines historischen Fundus an Kleidungsstücken, die Jahrzehnte zuvor aus qualitativ höchstwertigen Stoffen hergestellt wurden. So steht z. B. das für Elisabeth Orth (1936–2025) als Gertrud entworfene Königinnenkleid, das eine eher zeitgenössische Modelinie widerspiegelt, spannungsreich einem Prunkgewand der Hofgesellschaft gegenüber, dessen recycelte Versatzstücke visuell die Geschichte eines Theaterfundus erzählen. Gebrauchte Gold- und Perlenstickereien, Seidensatinstoffe, Silber- und Goldgewebe, Brokat- und Seidensamtstoffe wurden in Pastelltönen eingefärbt wiederverwendet und neu zu Roben verarbeitet. So mancher Ärmel, so manches Hosenbein findet sich am Kopf gestellt in Schleppen oder Umhängen.


Im Zuge der Neuorganisation des Bundestheaters Ende der 1990er Jahre wurden die hauseigenen Fundus der einzelnen Häuser in einen großen Kostümfundus innerhalb der neu geschaffenen Art for Art Theaterservice GmbH zusammengefasst und neu sortiert. Durch den guten Kontakt mit der damaligen Leiterin der Kostümabteilung – Annette Beaufaÿs – konnten große Schenkungen von historisch relevanten Kostümen in die Sammlung des Theatermuseums aufgenommen werden.
Wie relevant der Kostümfundus nach wie vor für die Burg ist, zeigen die Zahlen des Umweltberichts der letzten Jahre. Für Neuinszenierungen lag der Anteil an Kleidungsstücken aus dem Fundus bei mehr als der Hälfte, für den Probebetrieb werden die Schauspieler*innen zu 100 Prozent ressourcensparend ausgestattet. So gelangt auch immer noch der Gedanke zur Nachhaltigkeit verstärkt ins Rampenlicht.
Quellen und Literatur:
Joseph Gregor, Das Bundestheatermuseum, in: Almanach der Österreichischen Bundestheater für das Spieljahr 1932/33, Wien 1933
Jean de Bourgoing, Briefe Kaiser Franz Josephs an Frau Katharina Schratt, Wien 1949, 276 f.
Ulrike Dembski – Vana Greisenegger-Georgila – Barbara Lesák – Christiane Mühlegger-Henhapel, Aus Burg und Oper. Die Häuser am Ring von ihrer Eröffnung bis 1955, Wien 2005, 60
Ulrike Dembski, Die Kostümsammlung des Österreichischen Theatermuseums. Zur Geschichte der Kostümsammlung, in: Waffen- und Kostümkunde. Zeitschrift für Waffen- und Kleidungsgeschichte 2, 2005, 175–192
Ulrike Dembski (Hg.), Verkleiden. Verwandeln. Verführen. Bühnenkostüme aus der Sammlung des Österreichischen Theatermuseums, Wien 2010
Autor:innen
- - Mag. Angela Heller-Sixt
